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Karl Gabriel Pfeill - Leben und Werk

Karl Gabriel Pfeill - Leben und Werk

Klaus Hohrath
Karl Gabriel Pfeill - Leben und Werk

Eine kritische Würdigung des in Neuss geborenen Dichters des Expressionismus in einer Zeit des Umbruchs vor und während des Nationalsozialismus (1889 - 1942)
Auflage: 1987
1000 Exemplare
Leinen im Schutzumschlag
Preis: 14,00 Euro

Leseprobe:


Einleitung

Am 14.Mai 1982 wurde in Neuss am Haus Breite Straße 17 eine Gedenktafel für den Neusser Dichter Karl Gabriel Pfeill enthüllt.1) An diesem Tag ahnte niemand, daß dies eine der letzten Amtshandlungen für den damaligen Oberbürgermeister Herbert Karrenberg gewesen sein würde. Sein plötzlicher Tod am 17. Mai 1982 läßt seine Rede anläßlich der Gedenkstunde um so eindringlicher erscheinen, zumal er - in wenigen Worten - Grundsätzliches über die Art und Weise, wie eine Stadt und ihre Bürger zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen, sagte: "Eine Stadt lebt nicht nur aus dem Gewerbefleiß ihrer Bürger, aus dem Feiern gemeinsamer Feste, aus dem nachbarschaftlichen Zusammenleben in guten und bösen Tagen. Sie bedarf auch eines gesunden Traditions- und Geschichtsbewußtseins, wenn Gegenwart und Zukunft aus dem Wissen um die Vergangenheit gestaltet werden sollen. Hierzu gehört, daß man Werk und Leistung besonderer Persönlichkeiten nicht der Vergessenheit anheimfallen läßt - Werk und Leistung, die das Leben der Menschen auf künstlerischem, kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet bereichert haben." Es sei ihm eine große Freude, daß dem Dichter Karl Gabriel Pfeill "im Herzen unserer Stadt" ein Denkmal gesetzt werde, und er will "Denkmal" in des Wortes ursprünglichster Bedeutung verstanden wissen: Die Gedenktafel soll "den Vorübergehenden dazu bewegen, einmal an Karl Gabriel Pfeill [... ] zu denken - sich zu fragen, welche Persönlichkeit oder welches Werk hinter diesem Namen steht. Das aber mag dazu führen, das künstlerische Erbe Karl Gabriel Pfeills [... ] in die Gegenwart hineinzuholen [... ].
Ich erinnere mich sehr deutlich an den Begründer der Künstlergruppe des ,Weißen Reiters' - an seine markante Erscheinung, die von dem durchdringenden, leicht melancholischen Blick des in fremde Sphären Schauenden beherrscht war. Der breitkrempige Hut macht nach außen sichtbar, daß sein Träger bewußter Individualist war. Der liebenswerte Lehrer Franz Xaver Füsser machte uns Schüler mit dem Werk Karl Gabriel Pfeills vertraut. Ich hoffe, daß diese Stunde und die Tafel des Gedenkens dazu führen, das dichterische Schaffen und die zutiefst religiöse Philosophie Karl Gabriel Pfeills erneut zu betrachten und in unsere Zeit einzuordnen [... ]."2)
Es war nicht nur der subjektive Eindruck Herbert Karrenbergs, daß K.G. Pfeill eine individualistische Persönlichkeit war, deren Lebensäußerungen von einer tiefen, religiösen Haltung zeugten. K.G. Pfeill ist auch vielen heutigen - naturgemäß älteren - Neusser Bürgern noch als markante Künstlerpersönlichkeit im Gedächtnis. Man kennt ihn als ernsten, stillen und nachdenklichen Menschen, der den Begebenheiten des alltäglichen Lebens entrückt schien; aber er wird auch als ein überaus liebevoller, verständiger und humorvoller Zeitgenosse beschrieben.

Karl Gabriel PfeillDie vorliegende Dokumentation will einerseits Erinnerungen jener Art festhalten; zum anderen nimmt sie Herbert Karrenbergs Anregung auf, das dichterische Schaffen und das Denken K.G. Pfeills zu würdigen.Dabei kann das Ziel, mit der Rekonstruktion des Lebensweges möglichst nah an Denken, Wollen und Handeln K. G. Pfeills heranzukommen, unerfüllt bleiben - nicht nur theoretisch. Wenn uns schon viele - möglicherweise sogar die Mehrheit - unserer Zeitgenossen im Kern unergründlich bleiben, um wieviel ferner muß uns jemand erscheinen, der durch die zeitliche Distanz, mehr aber noch durch seinen verschlossenen Habitus scheinbares Dunkel um sich hüllt.

K.G. Pfeill war ein unqewöhnllcher Mensch, der sich dem bürgerlichen Maß nicht anpassen wollte und konnte. Seine Äußerungen, sei es das Fremdartige seiner Erscheinung, sei es die abgehoben wirkende, hymnisch-verklärte Sprache seiner Dichtung, wurden kaum verstanden - ausgenommen vom Kreis der wenigen "Eingeweihten". Das Unverständnis der vielen machte ihn einerseits einsam, andererseits stilisierte es ihn in unangemessene Höhen. In dieser abgehobenen Einsamkeit sind Dichtungen voll expressiver Kraft und tiefer Religiosität entstanden; mögen hier auch manche seiner Gedanken einen Weg gegangen sein, der ihn wie die meisten seiner Zeitgenossen in Niederungen führte, wo Pfeill, an das Licht des Himmels gewöhnt, wie geblendet sich abwandte.

Heute ermöglicht die historische Distanz eine objektive Sicht. Es kommen wichtige Wertungen und Aussagen von Zeitzeugen zu Wort; grundsätzlich aber steht die Darstellung des Schaffens Pfeills und des jeweiligen Entstehungs- und Wirkungshorizontes im Vordergrund. Dazu scheinen mir gelegentliche Kommentierungen unumgänglich zu sein.

Für wertvolle Auskünfte danke ich an erster Stelle der Witwe K.G. Pfeills, Frau Maja Zöller-Pfeill, Kaiserslautern, die mir in Gesprächen insbesondere die Persönlichkeit K.G. Pfeills näher brachte. Weitere Hinweise verdanke ich jenen, die mir aus eigenem Erleben Auskunft geben konnten und großzügig Bildmaterial und andere Aufzeichnungen zur Verfügung stellten. Ihre Namen sind am Anfang des Quellennachweises verzeichnet.

Sehr hilfreich war die Unterstützung, die ich durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Archiven und Bibliotheken erfahren konnte. Besonders erwähnen möchte ich hier das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf und das Stadtarchiv Neuss. Tips und Hinweise ersparten manch zeitaufwendiges Suchen.
                                                                                                                    Klaus Hohrath
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1) Vgl. NGZ, 109. Jg., Nr. 113,15.5. 1982.
2) Aus der Rede des Oberbürgermeisters H. Karrenberg am 14.5.1982 anläßlich der Übergabe der Jubiläumsstiftung der Stadtsparkasse Neuss, Stadtarchiv Neuss.