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Kulturszene Neuss 1945 – 1960

Kulturszene Neuss 1945 - 1960

Christel Korbmacher
Kulturszene Neuss 1945 – 1960

Dissertation Universität Düsseldorf 1988 (Erfassung Neusser Kulturorganisationen und kultureller Sozialisationsgemeinschaften)
218 Seiten
Preis: 10,00 Euro


Leseprobe:

E i n l e i t u n g

Seit den Sechziger Jahren ist die Kulturpolitik mehr und mehr ins öffentliche Blickfeld gerückt. Eine Rolle spielte die nun abgeschlossene relative wirtschaftliche Konsolidierung und das sich langsam offen zeigende Unbehagen an bislang ungeprüft übernommenen kulturellen Traditionen, die der sich nun verändert darbietenden Umwelt und Gesellschaft nicht mehr gerecht zu werden schienen. Eine Fülle von zum Teil widerstreitenden Veröffentlichungen läßt die Vielzahl von Konflikten und Defiziten innerhalb dieses Bereichs ahnen.
Auch die Kontinuität der Herrschaft bestimmter politischer Parteien zerbricht in dieser Zeit (NRW, BRD, anders jedoch in Neuss). Zweifellos ist die Nachkriegszeit in den Sechziger Jahren endgültig vorbei.
Während bisher schon viele Veröffentlichungen über die politische und wirtschaftliche Entwicklung der ersten Nachkriegsjahre vorliegen, findet sich so gut wie nichts über das Gebiet der Kulturpolitik.
In der Öffentlichkeit scheint Kulturpolitik nur eine untergeordnete Rolle zu spielen . Eine mögliche Erklärung dafür wäre auf zwei Ebenen zu finden. Zum einen versperrte die vorrangige Sorge um den Wiederaufbau dem einzelnen, aber auch den Kommunen den Blick auf den Bereich der Kultur, zum anderen aber, und dieses scheint mir sehr wichtig zu sein, lag wohl eine gewisse Konsenshaltung zwischen Angebot und Nachfrage vor. Leseprobe Kulturszene Neuss
Eine Erklärung dafür könnte in der Kontinuität von Kulturpolitik und/oder der Anknüpfung der Kulturpolitik an die Weimarer Zeit gefunden werden .
Die Reichsverfassung von 1871 ordnete die Kulturpolitik der Länderhoheit zu. Die Länder, die sich hauptsächlich um Schulpolitik und übergreifende Aufgaben wie zum Beispiel Denkmalschutz kümmerten, verwiesen die darübergehende Ausgestaltung an die Kommunen, die damit vorrangig zu Trägern im Bereich der Schönen Künste wurden und somit in die Rolle des Mäzenatentums rückten, was ihnen vom finanziellen und ideellen Engagement her neu und zum Teil ungelegen war. Da keine konkreten Richtlinien und Anweisungen zur Kulturpolitik vorlagen, konnten die Kommunen autonom an die Ausgestaltung dieser Bereiche herangehen, überließen dies jedoch meist, wie am Beispiel Neuss aufzuzeigen sein wird, persönlichen Kulturträgern , die ihren großen Handlungsspielraum mit subjektiver Wertorientheit auszufüllen wußten.
Unter Berücksichtigung dieser stark individualistischen Komponente muß davon ausgegangen werden, daß Kulturpolitik zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht aus einem Gesamtplan einer Kommune erwachsen ist, sondern sich eher als Summe vieler verschiedenartig geprägter Aktivitäten innerhalb einer Kommune versteht.
Die Definition, unter Kulturpolitik in erster Linie die Lenkung und Ausgestaltung des Bereichs der Schönen Künste zu verstehen und der Darstellung dieser Aktivitäten repräsentativen Charakter unterzulegen, bezieht sich eher auf die Gegenwart. Für die Nachkriegszeit trifft diese Definition, auf Neuss bezogen, nicht zu.
Man muß schon den Begriff in seine Einzelelemente zerlegen, um dem Phänomen "Kultur und Politik " in Neuss näher zu kommen.
Die im folgenden versuchte Definition beschränkt sich auf die inhaltlichen Aussagen, die dem Verständnis über Kultur und Politik in Neuss zugrunde liegen. Denn Inhalt und Fülle der Bedeutungen dieses Begriffs lassen sich nur aus einer bestimmten Situation für eine bestimmte Situation erklären.
Der Begriff "Kultur" entstand durch ein Gleichnis, das Cicero in seiner Schrift Tusculanae Disputationes entworfen hat.
"Wie nicht alle bebauten Äcker fruchtbar sind, so tragen nicht alle bebauten Geister (animi...culti) Frucht, wie der Acker den Ackerbau (cultura) braucht, so der Geist die Unterweisung. Cultura (Ackerbau) autem animi philosophia est."
Die Bedeutung des Wortes cultura = Ackerbau findet sich heute noch in sieben Sprachen, wovon fünf das gleiche Wort auch im Sinne von "Bildung" benutzen.
Die eigentliche Ausgestaltung des Wortes "Kultur" beginnt aber erst mit der Aufklärung, wobei versucht wird, Gedanken und Ideale der christlichen Religion auf das Diesseits zu richten, also Kultur verstanden wird als Verweltlichung des Begriffs "Christenturn". In Deutschland ist es Pufendorf (1632-1694), der als erster die cultura animi nicht nur in der Geistes- und Herzensbildung sieht, sondern unter den Begriff auch den Bereich der vitae cultus und der socialis vita faßt. Kultur wird verstanden als Ausschmückung des Lebens durch und in der Gesellschaft. Herder folgt dieser Tradition, wenn er cultur als "die Tradition einer Erziehung zu irgendeiner Form menschlicher Glückseligkeit und Lebensweise" beschreibt.
Diese inhaltliche Ausfüllung ist nicht nur auf Deutschland beschränkt. In Frankreich schafft Mirabeau (1756) für das Wort cultur das französische "civilisation", welches er als innere und äußere Gesittung, die nur durch Gemeinschaft erreicht werden kann, definiert.
Eine übernationale Einheitlichkeit im Begriff Kultur ist heute wohl nicht mehr in dem Maße vorhanden, wie sie sich damals zu erkennen gibt. Doch auch in den zeitgenössischen Definitionen von Kultur sind die eben angeführten Grundelemente immer noch vorhanden.
Nahodil sieht in Kultur einen anthropogenetischen Prozeß, bei dem der Mensch ebenso vermittelt, wie er dadurch vermittelt wird, er also nicht nur Kultur produziert, sondern die Kulturleistung ihn und seine Gruppe reproduziert.
Schwering legt diesen Begriff näher aus, wenn er sagt, daß Kultur den durch Neuerwerb und Erbgut charakterisierten Inbegriff aller materiellen, sozialen und geistigen Werte enthält, die der Mensch zur Befriedigung seiner Bedürfnisse geschaffen hat.
Wössner erkennt im Menschen als Glied eines Ganzen den Träger und Schöpfer von Kultur. Damit weitet sich die Frage nach Kultur aus zur "Frage nach den überindividuellen Kräften, die menschliches Handeln leiten."
Aus diesem Grund möchte ich meiner Arbeit die Definition von Siewert zugrunde legen, wonach unter Kultur "sämtliche Standards der Wahrnehmung, des Urteilens, des Bewertens, letztlich der gesamten Aufbereitung von Umwelten und des Handelns... (verstanden werden müssen), auf die ein Individuum in einer Gesellschaft/Gruppe trifft."
Der Begriff "Politik " ist eng damit verwandt. Er wird ursprünglich von "polis" , einer Siedlung im Schutz einer Burg, abgeleitet und meinte in der Antike die Kunst, ein Gemeinwesen zu steuern.
Deutsche Wissenschaftler der Fünfziger Jahre (z. B. O. H. von Gablenz, 1965) definieren Politik als "Gestaltung der öffentlichen Ordnung". In der internationalen Politikwissenschaft gilt die Definition des amerikanischen Systemtheoretikers O. Easton (1965): "politics is the authoritative allocation of values", Politik verstanden als verbindliche Zuweisung von ideellen und materiellen Werten.
In diesem Sinn möchte ich den Begriff "Politik" für Neuss verstehen.
Auch die eher aufs allgemeine gerichtete Bestimmung politischer Aufgaben "Frledensslcherunq, Wahrung, Fortentwicklung der Rechtsordnung, Wohlstandsförderung" läßt sich auf eine Stadt wie Neuss anwenden.
Friedenssicherung, verstanden als Nachbarschaftsgeist mit dem Sinn der emotionalen Bedürfnisbefriedigung, Wahrung und Fortentwicklung der Rechtsordnung als Tradierung und Ausgestaltung vorgegebener Rollen und Statuspositionen innerhalb einer Kommune, Wohlstandsförderung als Mittel der Befriedigung elementarer materieller Bedürfnisse, sollen konfliktfreies, auf gelebtem Konsens beruhendes Zusammenleben ermöglichen.
Unter "Kulturpolitik" könnte man dann mit diesen Prämissen jede soziale Interaktion (= Politik) mit dem Ziel, gemeinschaftsfördernd (= Kultur) zu wirken, verstehen.
Der so verstandene Begriff steht im Gegensatz zu Kulturpolitik als "Organisation der Schönen Künste", welche die Repräsentation der Stadt und ihrer Bürger, die Überhöhung des Alltags und der Arbeitswelt anstrebt und sich an sichtbaren Ereignissen nachweisen läßt.
Kulturpolitik als "Gestaltung von Ordnungen und Werten" versucht organisatorisch mehr bei informellen Interaktionen, das Ziel einer Konsenshaltung der Gemeinschaft zu erzeugen. Dies ist jedoch nur mittelbar aufzuzeigen, weil Konsenshaltungen im Gegensatz zu Konflikten wenig verbalisiert oder schriftlich festgehalten werden, sondern sich in symbolischer Ortsbezogenheit offenbaren.
Daß bei einer Betrachtung der Kulturpolitik in Neuss nach 1945 diese eher "Kultur als Lebensgestaltung" favorisiert, zeigte sich bei einer ersten Durchsicht der entsprechenden Akten im Stadtarchiv Neuss.
Kulturpolltlk als Fortführung im Sinn eines christlich ausgerichteten Mäzenatentums unter patriarchalischer Ordnungsstruktur läßt für Neuss eine a-priori-Verknüpfung zwischen kulturellem Hintergrund und Wertkonsens politischer Eliten, was nach Siewert eigentlich nur für traditionale Gesellschaften zutrifft, zu. Zur Verifizierung bzw. Falsifizierung dieser These ist es wichtig herauszufinden, in welchem Verhältnis die "Repräsentative Kultur" zur "Lebenskultur" in Neuss steht.